27
Jun
2013

Tag 9 Völlig neue Erkenntnisse

Und schon neigt sich die zweite Woche dem Ende zu. Ich irgendwie auch. Dieses 5:45 Aufstehen ist definitiv nicht mein Fall. Dann die jeweils einstündige Exkursion zum Erreichen der Anstalt. Und dann die Zustände hier. Langsam krieche ich nicht nur auf dem geistigen Zahnfleisch. Egal, da muss ich jetzt durch.

Der Tag beginnt mit einem zweistündigen Infovortrag zum Thema "Übergangsgeld und der Weg zur beruflichen Reha". Das hat mir gerade noch gefehlt. Bin ich Fleißbienchen doch schon so gut informiert, dass ich selber diesen Vortrag halten könnte. Und auch alles mal wieder sehr sinnvoll, da jeder natürlich ne ganz eigene Situation hat. Aber gut, ergebe ich mich meinem Schicksal und lausche den anderen Schicksalen. Man muss sich ja auch mal öffnen. Teilhaben am Leid anderer. Oder so. Das einzige Highlight ist Floyd, ein Golden Retriever Blindenhund der zu meinen Füssen selig schlummert. Und selig träumt. Oh wie schön ist Panama.

Der Vortrag hat mir den Rest gegeben. Fühle mich wie dreimal von ner Kolonne überrollt. Und in diesem Zustand soll ich noch an meiner Harzscheibe rumfeilen. Ohne mir auch noch die restlichen Nägel komplett runterzuschrubben. Prost Mahlzeit. Geht dann aber doch irgendwie. Und der Werkstattleiter der mich gestern noch verspottet hat ("Wie, sie wollen den eckigen Gegenstand rundsägen um einen Kreis zu bekommen. Das geht nicht!" Ja, ich und meine völlig verrückten bis absurden Ideen), findet tatsächlich lobende Worte. Hat eben doch so funktioniert wie ich es gemacht habe. Ätschi bätschi. Da kiekste, wat (der Heini ist nämlich offenbar Berliner was sein Akzent verrät. Und die Hauptstädter halten sich ja meist sowieso für den Nabel der Welt, obwohl sie de facto maximal reines Mittelmaß sind.)

Nachm Mittag dann wieder ein Referat. Diesmal zum Thema "Kauffrau für den Großhandel". Inhaltlich vielleicht mit viel gutem Willen ne 3-, die Optik geschweige denn die Orthographie ne glatte 6. Selten habe ich so viele Fehler auf einem einzigen PowerPoint Chart gesehen. neu Kunden, z.B. Und ich habe wieder ein neues Wort gelernt: "Hauptprozentual". Vielleicht werde ich hier noch richtig schlau. Völlig baff bin ich dann aber angesichts der bahnbrechenden Folie zum Thema Gehalt. Demnach verdient eine Großhandelskauffrau in München 700 Euro, in Bremen 4200 Euro. Fakt. Verdammt was habe ich bloß falsch gemacht. Ich mit meiner völlig hirnrissigen Idee erst Abitur zu machen, dann zu studieren und schließlich als Key Account Manager im Mediabereich zu erarbeiten. Hätte ich mich mal besser informiert. Vorher. Augen auf bei der Berufswahl. Das hätte mir einiges erspart. Ich hätte zum Beispiel auch Hausmeisterin werden können. Da verdient man nämlich 3800 Euro. Bestimmt netto. Naja, jetzt weiß ich wenigstens Bescheid. Auch mit Mitte 30 kann man nochmal grundsätzliche Erkenntnisse bekommen. Jetzt gilt es diese umzusetzen. Deshalb gehe ich umgehend zu meinem Berater um nochmal ein nettes Brainstorming zum Thema Berufe zu machen. Empfehlung 1: technischer Produktdesigner. Ich glaube das nächste Mal wenn jemand dieses Wort sagt, schreie ich. Abgelehnt. Und Tatsache, nach rund 30 Minuten Gespräch ein neuer flott-pfiffiger Vorschlag: Arbeitspädagoge Reha. Also würde ich dann mit Leuten wie hier zusammenarbeiten. Quasi Head of the Braindead. Head of Unterschicht. Und dann werde ich als nächstes Programmchefin bei RTL2. Herzlichen Glückwunsch. Dann doch lieber Kauffrau im Großhandel mit nem Verdienst von 4200 Euro (natürlich nur in Bremen).

An dem Referat habe offenbar nicht nur ich Missfallen. Während ich mich aber dezent zurückhalte und nicht mit meinem Rotstift gezückt hinstürme und alle Fehler ankriddel, äußert sich ausgerechnet mein Lieblingsfreund mit den drei kreisenden Gehirnzellen (absolut) zu Wort. Das Referat sei ja viel zu lang gewesen, und die Dame hätte zu viel abgelesen. Jaja, das Glashaus. Und dann der Stein. Eine tückische Kombination. Meine Meinung.
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Berufsfindung oder der Weg zur geistigen Schwerelosigkeit

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